Emissionseinsparungspotenzial der Kreislaufwirtschaft für energieintensive Industrien

BDE/VOEB-Europaspiegel Dezember 2025: Bericht des Joint Research Centers (JRC) der EU-Kommission

Der Report des JRC analysiert das Potenzial der Kreislaufwirtschaft zur Einsparung von Treibhausgasemissionen bis 2050 in den Industriesektoren Stahl, Aluminium, Zement & Beton und Kunststoffe, die zusammen für rund 44 % der industriellen Emissionen der EU verantwortlich sind, und formuliert Handlungsempfehlungen. 

Hintergrund

Das Joint Research Centre (JRC) ist der wissenschaftliche Dienst der EU-Kommission und unterfüttert in dieser Funktion europäische Gesetzesvorhaben regelmäßig mit fundierten und unabhängigen Analysen. Der Bericht zum Emissionseinsparungspotenzial der Kreislaufwirtschaft dient als Teil der wissenschaftlichen Grundlage des Clean Industrial Deals. 

Er analysiert ökologische und sozioökonomische Auswirkungen der Kreislaufwirtschaft anhand von vier Szenarien: dem Status Quo, einem Baseline-Szenario, das die erwarteten Entwicklungen der globalen Energiewende berücksichtigt sowie zwei Szenarien mit zunehmendem Ambitionsniveau (“Konformität” mit bestehenden Kreislaufwirtschaftszielen und “Ambition”, das zusätzliche Maßnahmen und Hebel berücksichtigt). 

Die Studie kombiniert dafür detaillierte Methoden, wie etwa Materialfluss- und Lebenszyklus(kosten)-analysen mit stärker aggregierten Ansätzen wie der umweltbezogenen Input-Output-Analyse und makroökonomischer Modellierung. Damit quantifiziert das JRC erstmals gemeinsam die klima-, ressourcen- und handelspolitischen Auswirkungen zirkulärer Strategien.

Wesentliche Inhalte 

Der Bericht stellt fest, dass die effektive Umsetzung ambitionierter Maßnahmen zur Steigerung der Zirkularität die Emissionseinsparungen der Industrie nahezu verdoppeln kann. So können im Jahr 2050 insgesamt rund 250 Megatonnen (Mt) CO2-Äquivalente eingespart werden. Davon entfallen 64 - 81 Mt auf den Stahlsektor, 38 - 52 Mt auf Zement und Beton, 12 - 14 Mt auf Aluminium und 75 - 84 Mt auf den Kunststoffsektor[1]

Der Einsatz von Sekundärrohstoffen und die mit ihrer Produktion einhergehenden Energiekosteneinsparungen im Vergleich zu Primärrohstoffen tragen außerdem zur Unabhängigkeit Europas bei. Allein der Bedarf an fossilen Energieträgern im Kunststoffsektor kann so um bis zu 258 Terrawattstunden (TWh) gesenkt werden, wovon derzeit 80 % importiert werden müssen. 

Auch im Rohstoffbereich können Importabhängigkeiten vermindert werden, z. B. bei Eisenerz im Stahlsektor (- 22 %) und Bauxit im Aluminiumsektor (- 11 %).

Die geringeren Rohstoffimporte im Rahmen des ambitionierten Szenarios tragen zusätzlich dazu bei, dass die EU-Handelsbilanz im Jahr 2050 um mehr als 30 Mrd. € gesteigert werden kann. Für die einzelnen Sektoren bedeutet dies konkret: 7 Mrd. € im Stahlsektor; 3,6 Mrd. € im Aluminiumsektor; 6,1 Mrd. € im Zement- & Betonsektor und 18 Mrd. € im Kunststoffsektor. 

Auch sozioökonomische Effekte werden betrachtet. Zwar wird ein leichter Rückgang des BIP (bis maximal - 0,5 %) und der Beschäftigungsrate prognostiziert, dennoch zeigen die Ergebnisse eine starke Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Emissionen: Die Reduktion der Treibhausgase übersteigt den Rückgang der Bruttowertschöpfung um das 9- bis 26-Fache (je nach Sektor).

Maßnahmen zur Hebelung dieser Potenziale müssten dem Bericht zufolge einen Lebenszyklusansatz verfolgen, der Produktion, Nutzung und Entsorgung bzw. Wiederaufbereitung beinhaltet. In allen Phasen müssten jeweils die Prinzipien einer ressourceneffizienten Wirtschaft – Reduce, Reuse, Recover – berücksichtigt werden, um den notwendigen Input an Materialien zu minimieren, die Lebensdauer der Produkte zu maximieren und Rohstoffe bestmöglich im Kreislauf zu erhalten.

Handlungsempfehlungen

Das JRC präsentiert sieben Optionen für preisbasierte, leistungsbasierte, oder informierende Maßnahmen, um das Potenzial der Kreislaufwirtschaft effektiv zu nutzen. 

  1. Preisbasierte ökonomische Anreize 

Ökonomische Anreize können Rezyklatpreise durch Eingriffe wie Abgaben, Subventionen und Steuerbegünstigungen konkurrenzfähiger machen. 

Auch marktbasierte Instrumente sind möglich, wie beispielsweise das Europäische Emissionshandelssystem (ETS), das hier als zentrales Klimaschutzinstrument der EU bereits ansetzt. Indem die Energiekosten in der Rohstoffproduktion durch die CO2-Bepreisung steigen, entsteht ein Vorteil für weniger energieintensive Rezyklate. Nichtsdestotrotz ist die Verwendung von Sekundärrohstoffen weiterhin mit höheren Kosten verbunden. Dies weist darauf hin, dass der Preis für Emissionszertifikate nicht ausreicht, um eine echte Lenkungswirkung zu entfalten, oder dass der vorhandene regulatorische Mix dieses Preissignal abschwächt und weitere Hindernisse fortbestehen (z. B. die andauernde Subventionierung fossiler Industrien).

Um dem entgegenzuwirken, sind nach Auffassung des JRC zusätzliche Instrumente wie zum Beispiel Steuervergünstigungen für den Einsatz recycelter Materialien in Schlüsselbranchen wie der Automobilherstellung förderlich. 

Auch eine Abgabe für die Verwendung von Materialien, die Recyclingprozesse erschweren, oder eine Gebühr für die Gewinnung von Primärrohstoffen in Verbindung mit einer Querfinanzierung für Recyclingtechnologien sei denkbar. 

  1. Green Public Procurement mit verpflichtenden Nachhaltigkeitskriterien

Mithilfe der öffentlichen Beschaffung, die einen substanziellen Teil des Marktes darstellt, kann eine höhere Nachfrage für Rezyklate geschaffen werden, was zu Investitionssicherheit, steigenden Produktionskapazitäten und schließlich Kostenparität zwischen Rezyklaten und Primärrohstoffen beitragen kann. Ein entschlossenes Vorangehen der öffentlichen Hand durch verpflichtende Nachhaltigkeitskriterien und die Zuteilung von Pluspunkten für Bewerber mit zirkulären Produkteigenschaften – etwa die Nutzung von Zement mit geringerem Klinkeranteil, Sekundärmaterialien oder Recyclinganteilen in Fahrzeugen, Möbeln und Bauprodukten – sei laut Bericht dementsprechend notwendig. 

  1. Finanzierung von Forschung, Entwicklung und Innovation 

Fördermittel müssten die Entwicklung und den Ausbau von Technologien fließen, die die Materialeffizienz und Zirkularität entlang der gesamten Wertschöpfungskette verbessern. Dazu zählen Investitionen in verbesserte Werkstofftechnologien, beispielsweise hochleistungsfähigen Stahl zur Reduzierung des Primärmaterialbedarfs, oder in die Entwicklung fortschrittlicher Materialien mit höherer Kreislauffähigkeit. 

Auch Investitionen in Technologien zur Verbesserung der Materialeffizienz in der Herstellungsphase, insbesondere im Aluminiumsektor, sowie in fortschrittliche Sortier-Technologien und bestehende Recyclingverfahren in Bereichen mit dem größten Emissionsreduktionspotenzial (etwa bei Zement und Beton) werden empfohlen. 

Des Weiteren sollten systematische Ansätze, wie die Schaffung regionaler Recycling hubs in öffentlich-privater Zusammenarbeit, die Förderung zirkulärer Geschäftsmodelle und intelligente Transportsysteme unterstützt werden.

  1. Ökodesign- & Produktpass-Regelungen 

Die bestehende EU-Ökodesign-Verordnung und ihre Sekundärrechtsakte bieten dem JRC zufolge die Grundlage, Zirkularität bei Produkten mit hohem Stahl- & Aluminiumanteil zu fördern, die Bauprodukteverordnung stellt das Pendant für den Bausektor bereit. Insbesondere der digitale Produktpass kann als Transparenztool eine bessere Informationsgrundlage für die Wiederverwendung und für das Recycling darstellen, indem Materialzusammensetzung und die Verfügbarkeit von Ersatzteilen leichter einzusehen sind. 

  1. Erweiterte Herstellerverantwortung

Der Bericht rät, die erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) auf zusätzliche Produktgruppen wie Möbel, Werkzeuge, Agrarfolien und Fenster auszuweiten. Dabei sei eine stärkere Differenzierung der Gebühren nach Qualität und Rezyklierbarkeit der eingesetzten Materialien vorzusehen (Ökomodulation).

  1. Anpassung von Leistungsstandards

Standards können dafür sorgen, dass neue Technologien, wie Klinker-Alternativen, funktional und sicher eingesetzt und ihr Markthochlauf erleichtert wird. Dabei kann das European Technical Assessment (ETA) Hilfestellung bieten. 

  1. Öffentlichkeitsarbeit & Lieferkettenpartnerschaften 

Durch gezielte Informations- und Aufklärungsarbeit kann das Verbraucher-verhalten positiv beeinflusst werden, etwa im Hinblick auf korrekte Mülltrennung. In der Industrie gilt es, Wissen über und Vertrauen in Recyclingtechnologien, -produkte und -verfahren zu stärken. Darüber hinaus können Partnerschaften entlang der Lieferkette, insbesondere zwischen Materialrecyclern und Herstellern, gefördert werden, um die Transparenz über die Zusammensetzung und Qualität von Rezyklaten zu erhöhen und deren Akzeptanz im Markt zu verbessern.

Bewertung 

Der BDE begrüßt den Bericht, der klar aufzeigt, dass die Förderung der Kreislaufwirtschaft in der Union nicht nur ein Weg ist, um die Klimaziele zu erreichen und die Resilienz der heimischen Industrie zu stärken, sondern dafür geradezu unerlässlich ist. Viele der Handlungsempfehlungen decken sich mit den Positionen des BDE und verleihen den Anliegen der Recycling- und Entsorgungsbranche weiteren Nachdruck.

Download BDE/VOEB Europaspiegel Dezember 2025

 

[1] Die sektoralen Einsparwerte sind nicht additiv, aufgrund von Wechselwirkungen zw. den Sektoren (siehe Berichtsmethode)

 

Kontakt

Sinéad Thielen

Europareferentin für Klima , Energie, Wasser und Ökodesign