EIB-Studie zur Finanzierung der Kreislaufwirtschaft

Wie die EU ihre Investitionslücke von 1,2 Billionen Euro bis 2040 schließen kann

Europäische Investitionsbank und Europäische Kommission haben erstmals belastbar quantifiziert, was der kreislaufwirtschaftliche Wandel in Europa kostet und wer ihn bezahlt. Die Botschaft ist eindeutig: Bisher finanziert die Privatwirtschaft mit 93% den Löwenanteil der Ausgaben. Ohne deutlich höhere Investitionen, klare regulatorische Signale und gezielte Finanzierungsinstrumente bleiben die Ziele des Kreislaufwirtschaftsaktionsplans jedoch außer Reichweite.

Hintergrund 

Die Europäische Investitionsbank (EIB) und die Generaldirektion Umwelt der EU-Kommission haben im April 2026 eine gemeinsame Analyse zur Finanzierung des kreislaufwirtschaftlichen Wandels in Europa vorgelegt. Sie ist zugleich Antwort auf den Bericht des Europäischen Rechnungshofs aus dem Jahr 2023, der bemängelt hatte, dass die Mobilisierung von Mitteln für die Kreislaufwirtschaft nur schleppend vorankommt. 

Die Studie liefert nun erstmals eine belastbare Quantifizierung dessen, was bis 2040 fehlen wird, um die Ziele des Kreislaufwirtschaftsaktionsplans (Circular Economy Action Plan, CEAP) zu erreichen und schlägt konkrete Maßnahmen vor.

Der CEAP ist die übergeordnete Strategie der EU für den Übergang zur Kreislaufwirtschaft. Die zweite Auflage wurde 2020 als Bestandteil des European Green Deal verabschiedet und benennt sechs prioritäre Wertschöpfungsketten

  • Bau, 
  • Batterien und Fahrzeuge, 
  • Textilien, 
  • Elektronik und Informations- und Kommunikationstechnik (IKT), 
  • Kunststoffe und Plastikverpackungen sowie Lebensmittel/Wasser/Nährstoffe),

in denen der Wandel hin zu zirkulären Produkten und Geschäftsmodellen besonders dringlich ist. An diesen Sektoren orientiert sich auch die EIB-Studie, die als Vorarbeit für kommende politische Weichenstellungen wie den Circular Economy Act und den mehrjährigen Europäischen Finanzrahmen der Periode 2028 – 2034 zu verstehen ist. 

Wesentlicher Inhalt

Privatsektor trägt den Großteil der Investitionen

Die laufenden Investitionen in die Kreislaufwirtschaft der EU werden auf rund 120 Milliarden Euro pro Jahr beziffert; ein deutlicher Anstieg gegenüber den 70 bis 80 Milliarden, die noch 2015 verzeichnet wurden. Auffällig ist die Verteilung der Quellen: Etwa 93 Prozent stammen aus privaten Mitteln, lediglich rund 7 Prozent aus EU-Programmen, nationalen Haushalten und EIB-Finanzierungen. 

Trotz des sichtbaren Wachstums bleibt der Anteil der Kreislaufwirtschaft sowohl im EU-Haushalt als auch im Kreditportfolio der EIB bei rund einem Prozent – ein bescheidener Wert, vor allem im Vergleich zu den klimabezogenen Ausgaben von 662 Milliarden Euro im letzten mehrjährigen EU-Haushalt. 

Zwischen den Förderperioden hat sich die kreislaufwirtschaftliche EU-Förderung zwar mehr als verdoppelt; ein Großteil davon stammt aber aus der Recovery and Resilience Facility (RRF), dem nach der Pandemie aufgelegten EU-Aufbauinstrument, dessen Fortbestand offen ist. 

Die EIB selbst hat ihr Engagement von 0,6 Milliarden Euro im Jahr 2020 auf 1,6 Milliarden Euro in 2024 ausgebaut, kumuliert auf rund 5,5 Milliarden Euro über fünf Jahre.

Die Lücke: 82 Milliarden Euro mehr pro Jahr

Die zentrale Botschaft der Studie ist die Größenordnung der Finanzierungslücke. Um die Ziele des CEAP zu erreichen, müssten zwischen 2025 und 2040 zusätzlich 1,229 Billionen Euro mobilisiert werden, also rund 82 Milliarden Euro pro Jahr. Das entspricht einer Steigerung um 68 Prozent gegenüber dem heutigen Niveau. 

Wo genau die zusätzlichen Mittel benötigt werden, lässt sich entlang der vier Lebenszyklusphasen eines Produktes aufschlüsseln: Design, Fertigung, Konsum und End-of-Life. Die größten Lücken liegen am Anfang und am Ende des Produktlebens. 

Auf das zirkuläre Design entfallen 34 Prozent – das umfasst Investitionen in Langlebigkeit, Reparatur- und Recyclingfähigkeit, die Integration von Sekundärrohstoffen, Forschung und Entwicklung sowie digitale Werkzeuge wie den Digitalen Produktpass. Auf die End-of-Life-Phase, also Sammlung, Sortierung und Recycling, entfallen weitere 27 Prozent. 

Fertigung und Konsum bedürfen 22 beziehungsweise 17 Prozent. Diese Verteilung unterstreicht die Logik der Kreislaufwirtschaft: Was nicht von Anfang an zirkulär gedacht wird, lässt sich später nur mit hohem Aufwand zurückgewinnen.

Sektorale Aufteilung der Investitionslücke

Die jährliche Lücke verteilt sich nahezu hälftig zwischen den sechs im CEAP identifizierten Schlüsselsektoren einerseits (51 Prozent) und andererseits Vorleistungsbranchen wie Eisen, Stahl, Aluminium oder Chemikalien und Querschnittsthemen wie Forschung, Innovation und Digitalisierung (49 Prozent). 

Innerhalb der Schlüsselsektoren ist die Bauwirtschaft mit Abstand am bedeutendsten: Rund 18 Milliarden Euro pro Jahr fehlen hier, der Großteil davon für Renovierung, Modernisierung und die Wiederverwendung von Bauteilen. 

An zweiter Stelle stehen Batterien und Fahrzeuge mit 10 Milliarden Euro, es folgen Textilien (6 Milliarden Euro, mit klarem Schwerpunkt auf getrennter Sammlung, Sortierung und Faser-zu-Faser-Recycling), Elektronik und IKT (5 Milliarden Euro), Kunststoffe einschließlich Verpackungen (2 Milliarden Euro) sowie Lebensmittel, Wasser und Nährstoffe (1 Milliarde Euro). 

Die Investitionsbedarfe, die sich aus der Verpackungsverordnung (PPWR) ergeben, etwa für Mehrwegsysteme, Pfandsysteme und das Re-Design von Verpackungen, sind in der Hintergrundstudie nicht vollständig erfasst; eine separate Quantifizierung soll folgen.

Strukturelle Hindernisse und Lösungsansätze 

Die Studie nennt eine Reihe struktureller Hindernisse, die zirkuläre Lösungen ausbremsen. Auf der Marktseite sind dies vor allem die nach wie vor bestehende Preisdifferenz zwischen Primär- und Recyclingrohstoffen, die unzureichende Bepreisung externer Effekte, eine schwankende und fragmentierte Nachfrage nach Rezyklaten, die unterschiedliche Auslegung von Lebensmittelkontakt-anforderungen für Recyclingkunststoffe in den Mitgliedstaaten sowie das Fehlen EU-weit harmonisierter End-of-Waste-Kriterien für viele Materialströme. 

Hinzu kommen geteilte Anreize entlang der Wertschöpfungskette: Wer in zirkuläres Design investiert, profitiert nicht zwangsläufig von den Erträgen am Lebensende. Auf der Finanzierungsseite stehen hohe Vorabinvestitionen, der eingeschränkte KMU-Zugang zu Kapital und das Fehlen einheitlicher Zirkularitätskennzahlen im Vordergrund.

Handlungsempfehlungen

Regulatorisch werden insbesondere weitere produktspezifische Mindestrezyklateinsatz-quoten unter der Ökodesign-Verordnung, verbindliche grüne und zirkuläre Beschaffungskriterien, eine Harmonisierung der End-of-Waste-Kriterien sowie ein Ausbau der erweiterten Herstellerverantwortung und der Pfandsysteme vorgeschlagen. Bereits im Dezember 2025 hat die Kommission ein Maßnahmenpaket gegen die regulatorische Fragmentierung des Rezyklatmarkts vorgelegt, einschließlich erstmaliger EU-Massenbilanzregeln für das chemische Recycling. 

Finanzseitig setzt die Studie auf eine Stärkung von Risikoteilungs-instrumenten und Mischfinanzierung, eine Ausweitung der intermediären Finanzierung über Hausbanken und nationale Förderinstitute, eine konsequente Erweiterung der Beratungsangebote (etwa über die Joint Initiative on Circular Economy) sowie eine Vereinfachung der EU-Taxonomie-Kriterien, die derzeit überarbeitet werden.

Bewertung

Der BDE brgüßt die Analyse als einen wichtigen Schritt zur Quantifizierung der Investitionsbedarfe der europäischen Kreislaufwirtschaft. Der Befund, dass 93 Prozent der heutigen Investitionen in die Kreislaufwirtschaft aus dem Privatsektor stammen, zeigt: Wer den ökologischen Wandel ernst meint, muss die Unternehmen stärken, die ihn tatsächlich tragen. Die im Vergaberecht verankerten Ausnahmen für Inhouse-Vergaben und interkommunale Zusammenarbeit sind in diesem Licht kritisch zu betrachten; fairer Wettbewerb auf Augenhöhe ist die Voraussetzung dafür, dass private Investitionen in die für Europa erforderliche zirkuläre Infrastruktur fließen.

Der ausgewiesene Investitionsbedarf von 82 Milliarden Euro pro Jahr unterstreicht, wie dringend die Recycling- und Entsorgungsbranche einen Beihilferahmen braucht, der ihrer Rolle als zentrale Investitionsträgerin der Transformation gerecht wird. Der BDE fordert daher eine Einbeziehung der Rückgewinnungsprozesse in die Allgemeine Gruppenfreistellungs-verordnung (AGVO) und die Klima-, Umweltschutz- und Energiebeihilfeleitlinien (KUEBLL). 

Wenn 27 Prozent der Finanzierungslücke auf die End-of-Life-Phase entfallen, muss das Beihilferecht die Unternehmen des Sektors dazu in die Lage versetzen, staatliche Unterstützungsleistungen zu erhalten, um die nötigen Investitionen vornehmen zu können.

Mit Blick auf den erwähnten Mehrjährigen Finanzrahmen 2028–2034 unterstützt der BDE den Änderungsentwurf des Europäischen Parlaments, der die Förderung der Kreislaufwirtschaft – anders als der Entwurf der Kommission – ausdrücklich betont. Da öffentliche Mittel heute nur sieben Prozent der gesamten kreislaufwirtschaftlichen Investitionen ausmachen, können öffentliche Geder insbesondere über den European Competitiveness Fund als Hebel genutzt werden um weitere private Investitionen auszulösen und zirkuläre Wertschöpfungsketten zu skalieren. 

Die Studie ist außerdem ein Echo der langjährigen BDE-Forderung nach verbindlichen Mindestrezyklateinsatzquoten. Kommission und EIB benennen die Festlegung weiterer produktspezifischer Quoten ausdrücklich als prioritären Hebel zur Marktbildung für Recyclingrohstoffe. Solange Primärmaterialien systematisch günstiger bleiben als Rezyklate und keine verlässliche Nachfrage besteht, werden die nötigen Investitionen ausbleiben. Quoten schaffen Planungssicherheit und damit eine Grundlage für die Skalierung des Recyclingmarktes. 

Eng damit verknüpft sind drei weitere Stellschrauben, die der Bericht explizit herausstellt. Erstens die verpflichtende Verankerung grüner und zirkulärer Kriterien im öffentlichen Beschaffungswesen, um das Marktvolumen der öffentlichen Hand als Nachfragemotor zu nutzen. Zweitens die EU-weite Harmonisierung der End-of-Waste-Kriterien, beispielsweise für Kunststoffe, Bau- und Abbruchabfälle, Textilien, Batterien, Elektroaltgeräte und Bioabfälle. 

Die fragmentierte Anwendung in den Mitgliedstaaten ist ein zentrales Investitionshemmnis, das grenzüberschreitende Materialströme bremst und erhebliche Rechtsunsicherheit schafft. Drittens der konsequente Ausbau der erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) inklusive einer ökologischen Gebührenmodulation als Finanzierungs- und Steuerungsinstrument, das die Kosten der Kreislaufführung dort verankert, wo sie hingehören: bei den Inverkehrbringern.

Die Kreislaufwirtschaft ist als strategische Säule europäischer Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Versorgungssicherheit angekommen – sie ist aber finanziell noch nicht annähernd dort, wo sie sein müsste. 

Eine Erhöhung des privaten und öffentlichen Investitionsvolumens um mehr als zwei Drittel ist keine technische Feinjustierung, sondern eine Großaufgabe, die politische Maßnahmen für mehr regulatorische Klarheit, finanzielle Hebel und konsequente Marktbildung gleichermaßen erfordert.

Download BDE/VOEB Europaspiegel Mai 2026

Kontakt

Sinéad Thielen

Europareferentin für Klima , Energie, Wasser und Ökodesign