Rolle der Kreislaufwirtschaft für Industrie und Klimaschutz sowie Nutzung biobasierter Abfallströme

Neue Studien der Europäischen Umweltagentur

In drei Analysen zeigt die Europäische Umweltagentur, dass eine nachhaltige Transformation Europas ohne eine deutlich stärkere Kreislaufwirtschaft kaum gelingen wird. 

Insbesondere der Einsatz von Sekundärrohstoffen in energieintensiven Industrien sowie die bessere Nutzung biogener Abfälle bleiben weit hinter ihrem Potenzial zurück, obwohl sie erhebliche Beiträge zum Klimaschutz und zur Ressourcenschonung leisten könnten.

Hintergrund

 

Die zwischen Dezember 2025 und Februar 2026 veröffentlichten Studien der Europäischen Umweltagentur (European Environmental Agency, EEA) beleuchten drei unterschiedliche, aber eng miteinander verknüpfte Themen: das Klimaschutz­potenzial zirkulärer Wirtschaftsweisen, die Emis­sionsentwicklung in energieintensiven Industrien, sowie die bessere Nutzung biobasierter Abfalls­tröme.

Die Analysen stehen im Kontext zentraler euro­päischer Regelwerke und liefern eine solide wissen­schaftliche Grundlage zur Verdeutlichung der klima- und industriepolitischen Relevanz der Kreislaufwirtschaft – auch und insbesondere im Hinblick auf den in diesem Herbst anstehenden Circular Economy Act.

Wesentlicher Inhalt

Im Mittelpunkt steht bei allen drei Untersuchungen die Frage, welchen Beitrag Ressourceneffizienz, Recycling und eine stärkere Kreislaufführung von Materialien zur Erreichung der europäischen Klima- und Umweltziele leisten können. Die drei vonein­ander unabhängigen Analysen beleuchten dabei jeweils andere Aspekte der transformatorischen Herausforderungen, vor denen Europa derzeit steht. 

  1. Klimaschutz: Weniger Emissionen durch mehr Kreislaufwirtschaft

In einer Kurzstudie untersucht die EEA den möglichen Beitrag der Kreislaufwirtschaft zur Reduktion von Treibhausgasemissionen. Grundlage ist eine Analyse von 131 wissenschaft­lichen Studien, die zwischen 2020 und März 2025 veröffentlicht wurden. Die ausgewertete Literatur zeigt ein erhebliches, aber stark variierendes Emissionsminderungspotenzial: Im Durchschnitt ergibt sich aus den Studien ein mögliches Reduk­tionspotenzial von rund 33 %, wobei die Spanne der Ergebnisse zwischen 2 % und 99 % liegt. Die größten Potenziale werden im Abfallsektor identi­fiziert, wo zirkuläre Maßnahmen durchschnittlich 52 % Emissionsminderungen ermöglichen könnten. 

Auch im Bausektor wird mit rund 48 % ein hohes Potenzial gesehen. Auf der Ebene einzelner Maß­nahmen entlang des Produktlebenszyklus zeigt die Nachnutzungsphase das höchste relative Poten­zial: Recycling und separate Abfallbehandlung können Emissionen um durchschnittlich 63 bzw. 78 % reduzieren. Eine erhebliche Wirkung kann jedoch auch in der Vornutzungsphase durch Materialsubstitution (48 %) und zirkuläres Produkt­design (42 %) erreicht werden. 

Die EEA betont auch, dass der Entsorgung und dem Recycling vorgelagerte Maßnahmen – kreislaufgerechtes Design, Reparatur und Wieder­verwendung – in der Forschung noch unterre­präsentiert sind und dringend stärker in Klimamodelle integriert werden müssen.

  1. Energieintensive Industrien: Kreislaufwirtschaft als zentraler Baustein der Transformation 

Energieintensive Industrien, wie Eisen, Stahl und Aluminium, Zement, Kalk, Chemie und Glas sowie Zellstoff und Papier, spielen eine unverzichtbare Rolle für die europäische Industrie und sind zugleich für einen erheblichen Anteil der indus­triellen Emissionen verantwortlich. 

Die EEA stellt in ihrem Briefing ”Zero pollution, decarbonisation and circular economy in energy-intensive industries” fest, dass die Treibhaus­gasemissionen dieser Branchen in den vergan­genen zwei Jahrzehnten zwar deutlich gesunken sind, ihr Anteil an den Gesamtemissionen jedoch weiterhin hoch bleibt. 

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Kreislauf­wirtschaft als ergänzender Transformationsansatz an Bedeutung. Die stärkere Nutzung von Sekun­därrohstoffen und alternativen Materialien kann den Primärrohstoffbedarf senken, material­intensive Prozessschritte vermeiden und sowohl energie- als auch prozessbedingte Emissionen reduzieren. 

Die EEA weist außerdem darauf hin, dass zirkuläre Ansätze häufig zusätzliche Umweltvorteile mit sich bringen, etwa durch geringere Luftschadstoff­emissionen und eine verringerte Umweltbelastung durch Rohstoffentnahmen. 

Gleichzeitig wird deutlich, dass die Kreislauf­wirtschaft bislang nur begrenzt in die Transfor­mation der energieintensiven Industrien integriert ist. So fehlen insbesondere verbindliche Zielvor­gaben und klare Anreize für den Einsatz von Recyclingmaterialien, wodurch Investitionen in zirkuläre Produktionsweisen bislang gehemmt werden. Auch entlang der Wertschöpfungsketten bestehen laut Bericht weiterhin strukturelle Hindernisse, etwa in Bezug auf die Verfügbarkeit und Qualität von Sekundärrohstoffen.

  1. Ungenutzte Potenziale heben: Kreislaufführung biogener Abfälle 

Eine weitere Studie im Auftrag der EEA untersucht die Kreislaufpotenziale biobasierter Abfallströme in der Europäischen Union. Im Fokus stehen Bioabfälle aus Haushalten und Grünpflege, Holzabfälle, Klärschlamm, landwirtschaftliche Reststoffe sowie Papier, Textilien und biobasierte Kunststoffe. Die Analyse zeigt, dass Teile dieser Stoffströme zwar schon durch Kompostierung, anaerobe Vergärung oder energetische Verwer­tung genutzt, gleichzeitig aber große Mengen biobasierter Abfälle weiterhin auf linearen Wegen – über Deponierung, Mischrestmüll oder minder­wertige Verwertung – entsorgt werden. Bei Bioabfällen beispielsweise könnten 58-68 Mt pro Jahr zusätzlich recycelt werden (53 % des Gesamtaufkommens). Voraussetzung ist eine konsequente Getrenntsammlung, da nur so hochwertige Kompost- und Biogasgewinnung möglich ist. Bei Holzabfällen (26–28 Mt, 53–54 %) ist das Prinzip der Kaskadennutzung entscheidend: Stoffliche Verwertung hat Vorrang vor energe­tischer Nutzung.

Klärschlamm (1,5–2,1 Mt Trockenmasse, 24–27 %) bietet großes Potenzial zur Rückgewinnung von Phosphor und Stickstoff als Düngemittel; für schadstoffbelasteten Schlamm bleibt die thermische Behandlung jedoch unverzichtbar. Bei landwirtschaftlichen Reststoffen (rund 75,3 Mt) bestehen Möglichkeiten zur Nutzung als Materialrohstoff oder in der Biogasproduktion. 

Bei Papier und Karton landen trotz einer bereits hohen Recyclingquote von 83 % noch immer 12,8 Mt jährlich im Restmüll – vor allem wegen Qualitätsproblemen bei Mischverpackungen und kontaminierten Fraktionen. Bei Textilien macht hochwertiges Faser-zu-Faser-Recycling weniger als 1 % aus, da es an geeigneter Sammel- und Sortierinfrastruktur sowie skalierbaren Recycling­technologien mangelt. 

Übergreifend identifiziert die Studie mehrere zentrale Hebel: Ökodesign-Anforderungen und konsequente getrennte Sammlung als Grund­voraussetzung; Zertifizierungssysteme und klarere Schadstoffgrenzwerte, etwa bei Klärschlamm oder Kompost, sollen das notwendige Vertrauen in Sekundärmaterialien schaffen. Eine stärkere Kreislaufführung biobasierter Ströme stärkt zudem die europäische Ressourcensouveränität durch geschlossene Nährstoffkreisläufe, geringere Phosphorimporte und einen reduzierten Primär­rohstoffbedarf, so die Studie.

Download BDE/VOEB Europaspiegel Mai 2026

 

 

Kontakt

Sinéad Thielen

Europareferentin für Klima , Energie, Wasser und Ökodesign