Die Kommission hat am 3. Dezember 2025 den sogenannten RESourceEU-Aktionsplan verabschiedet. Mit dem Maßnahmenpaket reagiert die EU auf einseitige geopolitische Abhängigkeiten und Exportrestriktionen im Bereich kritischer Rohstoffe. Ziel ist es, die Umsetzung des Critical Raw Materials Acts (EU) 2024/1252 (CRMA) zu beschleunigen und die Rohstoffsicherheit in der EU zu stärken.
Hintergrund
Kritische Rohstoffe (Critical Raw Materials – CRM) sind Materialien, die eine hohe wirtschaftliche Bedeutung für Schlüsselindustrien in der EU haben und bei denen ein deutliches Versorgungsrisiko besteht, weil sich die Förderung und Verarbeitung in wenigen Ländern (Drittstaaten) konzentriert und begrenzte Substitutionsmöglichkeiten, eine hohe Preisvolatilität und begrenzte Recyclingpotenziale bestehen.
Der CRMA benennt 34 kritische Rohstoffe (Anhang II), die eine hohe volkswirtschaftliche Bedeutung kombiniert mit hohem Versorgungsrisiko haben, sowie 17 strategische Rohstoffe (Anhang I) – d.h. kritische Rohstoffe, die für den grünen und digitalen Wandel, die Luft- und Raumfahrt oder die Verteidigung besonders wichtig sind.
Die Ziele für die Versorgung mit kritischen Rohstoffen sind in Art. 5 des CRMA klar definiert: 10 % des Bedarfs an kritischen Rohstoffen sollen bis 2030 durch Abbau der Rohstoffe innerhalb der EU gedeckt werden, 40 % sollen in der EU verarbeitet- und 25 % sollen in der EU recycelt werden.
Was den Import betrifft, soll sichergestellt werden, dass nicht mehr als 65 % eines Rohstoffes aus einem einzelnen Drittstaat stammen.
Dennoch ist die EU, insbesondere im Bereich der 26 für die Energiewende relevanten CRM, signifikant abhängig von Importen. Gerade China hat eine globale Vormachtstellung auf allen Stufen der Wertschöpfungskette, von der Extraktion bis zur Magnetproduktion.
Jedoch hat die Volksrepublik China in den letzten drei Jahren Exportrestriktionen auf u.a. Graphit, Gallium und seltene Erden eingeführt und zuletzt am 09. Oktober 2025 deutlich verschärft.
Aus diesem Grund hat die Kommission ein entsprechendes Maßnahmenpaket, den ReSource EU-Aktionsplan, nach dem Vorbild von RePower EU, das im Jahre 2022 zur Sicherung der europäischen Energieversorgung angesichts des Ukrainekonflikts verabschiedet wurde, veröffentlicht.
Wesentliche Inhalte
Ziel des ReSource Aktionsplans ist die Förderung der Gewinnung primärer- als auch sekundärer CRM, insb. zur Herstellung von Permanentmagneten und Batterien. Geförderte Projekte sollen bereits 2029 in Betrieb genommen werden können.
Die Kommission betont, dass die Kreislaufwirtschaft dabei ein zentraler Faktor sein soll.
Konkret sind folgende Maßnahmen Teil des ReSource EU Action Plans:
1. Errichtung des Critical Raw Materials Centre
Das Zentrum für kritische Rohstoffe soll die zentrale Institution zur Umsetzung der Rohstoffsicherungsstrategie sein. Es soll eine kontinuierliche Marktüberwachung sicherstellen und durch sog. Stresstests Lieferengpässe frühzeitig erkennen.
Als Schnittstelle zwischen Industrie, Finanzsektor und Politik soll es über einen gemeinsamen Einkauf (joint purchasing) die Nachfrage der Industrie bündeln und so die Verhandlungsmacht gegenüber globalen Rohstofflieferanten stärken.
Das Zentrum soll seine Arbeit bereits im zweiten Quartal 2026 aufnehmen.
2. Der Critical Raw Materials Financing Hub
Über einen Finanzierungshub für kritische Rohstoffe soll eine gebündelte und koordinierte Förderung von Projekten in der EU und auch in Drittstaaten sichergestellt werden.
Der Finanzierungshub soll sich verschiedener Förderinstrumente bedienen und für Projekte der ganzen Wertschöpfungskette zur Verfügung stellen, wobei ein besonderer Fokus auf dem Recycling liegen soll.
Die entsprechenden Förderinstrumente bzw. Quellen umfassen:
Ziel ist es, bereits innerhalb der nächsten 12 Monate 3 Mrd. EUR an Fördermitteln bereitzustellen.
Bisher erfolgte bereits die Anerkennung von insgesamt 60 Projekten durch die Kommission als “strategisch”, welche insgesamt ein Investitionsvolumen von 2,15 EUR zum Ausbau der entsprechenden Produktionskapazitäten aufweisen.
3. Kreislaufwirtschaft und Innovation
Die aktuelle Sammelquote von Altgeräten liegt derzeit im EU-Durchschnitt bei 40 %. Weniger als 1 % der seltenen Erden werden in der EU recycelt.
Eine signifikante Menge von Schrotten aus Permanentmagneten wird exportiert oder landet tatsächlich noch auf Deponien.
Aus diesem Grund plant die Kommission für das 2. Quartal 2026 entsprechende Exportrestriktionen auf Schrott und Abfälle aus Permanentmagneten. Zudem sollen Abfälle aus Lithium-Ionen-Batterien und sog. „Schwarzmasse“ ab September 2026 als „gefährliche Abfälle“ eingestuft werden, um einen Abfluss in Nicht-OECD Staaten einzudämmen.
Gleichzeitig sollen die entsprechenden Recyclingkapazitäten in der EU ausgebaut und verbessert werden.
Laut einer Auswertung der gemeinsamen Forschungsstelle der Kommission, dem Joint Research Centre (JRC), könnten aktuell bereits 50–65 % der anfallenden Schwarzmasse in der EU selbst verarbeitet werden, was den Bedarf von bis zu einer Million Batteriepacks für Elektrofahrzeuge im Jahr decken könnte.
Ein besonderer Fokus soll auf dem Produktdesign bzw. der Kennzeichnung kritischer Rohstoffe liegen. Insbesondere sollen die Kennzeichnungspflichten im Hinblick auf den in Geräten enthaltenen Anteil an CRM, die derzeit nur für Permanentmagneten gelten, durch eine Anpassung des Critical Raw Materials Act erweitert werden, u.a. auf Festplatten und Lautsprecher.
Zudem soll der Mindestrezyklatanteil für u.a. Neodym, Bor, Nickel und Kobalt, der bis Ende 2031 durch einen delegierten Rechtsakt zu konkretisieren ist, über Verbraucherabfälle hinaus auf Industrieabfälle (pre-consumer-waste) ausgeweitet werden.
Letztlich sollen auch durch die Förderung der Sammlung von Altgeräten im Rahmen der Revision der WEEE-Richtlinie als Maßnahme des Circular Economy Acts die Rückgewinnung von CRM gefördert werden.
4. Leitmärkte für kritische Rohstoffe
Verschiedene Maßnahmen sollen dazu führen, einseitige Abhängigkeiten von Drittstaaten und hohe Preisschwankungen zu reduzieren.
Zur Förderung des Handels mit strategischen Rohstoffen wurde dazu unter anderem bereits Ende November der “Raw Materials Mechanism” ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um eine digitale sog. “Matchmaking Platform”, auf der Anbieter und potenzielle Käufer von strategischen Rohstoffen Gebote bzw. ihren Bedarf hochladen können, wodurch das Finden von Handelspartnern erleichtert werden soll.
Diese Vernetzung soll in mehreren “Ausschreibungsrungen” stattfinden, wobei die erste im März dieses Jahres gestartet ist. Mitbieten können und sollen auch Unternehmen, die Dienstleistungen zur Lagerung kritischer bzw. strategischer Rohstoffe anbieten.
Zudem sollen künftig große Unternehmen verpflichtet werden, ihre Lieferketten im Hinblick auf CRM systematisch zu analysieren und Risiken möglicher Engpässe zu bewerten.
Wo nötig, müssen sie Maßnahmen zur Diversifizierung ergreifen, um die Abhängigkeit von einzelnen Bezugsquellen zu verringern. Die Kommission soll dabei sowohl Anreize zur Diversifizierung setzen und – bei Untätigkeit – auch Sanktionen erlassen können
Die Diversifizierung von Lieferketten soll auch im Rahmen der anstehenden Revision des Europäischen Vergaberechts - in dem Zusammenhang vor allem die Richtlinie 2009/81/EG über die Vergabe von Verteidigungs- und Sicherheitsaufträgen - vorangebracht werden.
Für die Beschaffung kritischer Rohstoffe soll künftig nicht allein der Angebotspreis das entscheidende Auswahlkriterium sein, sondern vor allem die Herkunft der Materialien.
5. Stärkung des Binnenmarktes und der Resilienz
Mit der Binnenmarkt-Notfall- und Resilienzverordnung (EU) 2024/2747, die ab Mai 2026 gilt, erhält die EU neue Instrumente zur koordinierten Reaktion auf Lieferkettenstörungen. Dazu zählen Informationspflichten zu Beständen und Kapazitäten, gemeinsame Beschaffungen sowie koordinierte Maßnahmen bei Engpässen.
Bereits vor Inkrafttreten werden erste Stresstests und gemeinsame Übungen (“joint exercises”) durchgeführt, in denen simuliert werden soll, wie die Mitgliedsstaaten auf Engpässe in einzelnen Lieferketten reagieren.
Um Investitionen besser vor Markmanipulationen und unfairem Wettbewerb zu schützen, möchte die EU auch gemeinsam mit den G7-Staaten ihre Befugnisse zum Erlass handelspolitischer Schutzinstrumente und zur Koordinierung von Gegenmaßnahmen bei marktverzerrendem Verhalten ausbauen.
„Strategische“ Projekte im Sinne des Critical Raw Materials Acts sollen außerdem als „Projekte von Unionsinteresse“ nach der Verordnung über ausländische Direktinvestitionen (EU) 2019/452 gelten, um eine verstärkte Kontrolle über Investitionen aus Drittstaaten in die entsprechenden Projekte zu erhalten.
6. Diversifizierung durch Partnerschaften mit Drittstaaten
Die Kommission hat seit 2021 bereits 15 „strategische“ Partnerschaften mit rohstoffreichen Ländern, darunter Argentinien, Kanada und Australien geschlossen und ist bemüht, dieses Netz weiter auszubauen.
Beispielhaft wurde zuletzt eine Handelspartnerschaft mit Südafrika geschlossen, die konkrete Projekte im Bereich seltener Erden und Mangan fördern soll. Auch mit Brasilien wurden entsprechende Verhandlungen aufgenommen.
Darüber hinaus sollen über Finanzierungsinstrumente wie dem Ukraine- und Westbalkan-Investitionsrahmen sowie über Nachbarschafts- und Mittelmeerinitiativen weitere Rohstoffprojekte gefördert und die Integration mit EU-Wertschöpfungsketten vertieft werden.
Ergänzend setzt die EU auf multilaterale Ansätze, etwa im Rahmen der G7 und G20. Dort wurde ein gemeinsamer Rahmen für kritische Mineralien entwickelt, der nachhaltige Lieferketten, die Kriterien zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (Environmental, Social and Governance - ESG) und Investitionen stärken soll.
Zudem unterstützt die EU internationale Produktionsallianzen, um Rohstoffprojekte global zu diversifizieren und Risiken gemeinsam zu reduzieren.
Bewertung
Der BDE begrüßt die Rohstoffpolitik der Kommission im Bereich kritischer Rohstoffe und betont die besondere Rolle der Kreislaufwirtschaft zur Versorgungssicherheit, wie sie auch von der Kommission erkannt wird.
In der Tat verfügen bestehende Recyclinganlagen, auch im Bereich Elektro- und Elektronikaltgeräte, über die technischen Möglichkeiten zur Rückgewinnung kritischer Rohstoffe.
Ein Kernproblem liegt jedoch in der mangelnden wirtschaftlichen Rentabilität, da die entsprechenden Materialien i.d.R. nur in geringen Mengen in den Altgeräten vorhanden sind, wodurch sich eine Rückgewinnung oft nicht rentiert.
Wichtig ist daher eine finanzielle Unterstützung bzw. eine Entlastung der Behandlungsanlagen bei den Betriebskosten, eine Beteiligung der Hersteller an den Sammel- und Behandlungskosten sowie konkrete Vorgaben bei der Herstellung von Geräten, was die Entnehmbarkeit der CRM und die Kennzeichnung von Produkten betrifft.
Die Anpassungen im Critical Raw Materials Act sind daher im Ansatz zu begrüßen, es bedarf aber mehr Unterstützung für die Kreislaufwirtschaft.
Wichtig ist zudem, soweit Einsatzquoten für pre-consumer-waste in Permanentmagneten für notwendig erachtet werden, dass diese nicht auf die Einsatzquoten für Verbraucherabfälle anzurechnen sind. Ziel muss, wie in allen Stoffströmen, eine Förderung des Recyclings von Verbraucherabfällen bzw. post-consumer-waste sein.
Pre-consumer waste bzw. Industrieabfälle haben oft Neuwarenqualität und können daher ohne große Aufbereitung dem Stoffstrom wieder zugeführt werden. Insofern wären getrennte Einsatzquoten für Industrie- und Verbraucherabfälle eine sinnvolle Lösung.